Magerer Lohn und ein baufälliges Schulhaus
Aus dem Leben des Neerdarer Schulmeisters Geldmacher
Bis
1872 hielt er es hier aus, dann ging er nach Ober – Waroldern.
Ob es da für einen
Schulmeister, auch noch mit dem beziehungsreichen Namen Geldmacher, besser war
als im Vorupland Dörfchen Neerdar ?
Baren
Lohn erhielt er nicht. Dafür aber wenig mehr als 3 Morgen Land, drei kümmerliche
Wiesen und einen Garten am Haus, Einkünfte über die Kirchenkasse für das
Stellen und Warten der Kirchenuhr, Schmieren der Glockenbügel, das Waschen der
Kirchentücher und fürs Glockenläuten. Dazu kamen noch ein paar Silbergroschen
bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen.
“
Von jedem Wohnhause müssen jährlich
zwei Brote geliefert werden“; die Neerdarer erledigten das aber lieber in Form
von Geld. Das brachte sieben Taler und 20 Silbergroschen. Holz und „freies
Laub“ für Lehrers Rindvieh – der Stall bot Platz für zwei Kühe – gab es
auf dem Staatswald kostenlos. Auch Lehrers Schweine
durften die Hute mitbenutzen.
Die
Neerdarer Schule war einklassig. Alle Schulkinder wurden in einem Raum
unterrichtet, oft zu gleicher Zeit. Heute würde man zu solchen Einrichtungen
„Zwergschule“ sagen. Doch ganz
so zwerghaft wie mit nur sechs Schülern im benachbarten Welleringhausen ging es
bei Herrn Geldmachern nicht zu.
Anno
1856 registriert er immerhin 25 schulpflichtige Nachwuchs - Neerdarer(innen).
Rosine
schien der beliebteste Mädchenname zu sein. Bei den Jungen dominierte
Christians. Einklassig = erstklassig , die etwas eigenartige Gleichung ging hier
auf: Für Fleiß vergab der Schulmeister nur einmal als schlechteste Zensur
„ziemlich mittelmäßig“, während die übrigen 24 mit ziemlich gut, gut,
recht gut und überwiegend sehr gut bedacht wurden. Die Betragensnoten lagen in
gleicher Richtung; nur einmal das Prädikat
„Nicht zu Loben“, wiederum für die ziemlich mittelmäßige. Solches
Ergebnis spricht sich wohl für die Elternhäuser, die „lieben Kleinen“ und
ihren Lehrer. Vor allem, wenn man bedenkt, durch welche Unterrichtsmaterialien,
so sagt man heute, des Lehrers pädagogisches Geschick unterstützt wurde. Das
allerheiligste der Schulstube, der Schrank, barg die Hilfsmittel: Neben einer
unbrauchbaren Karte der beide Erdhalbkugeln zwei gut erhaltene Karten von
Deutschland und dem Fürstentum Waldeck, ein Rechenbuch, ein „Lesebuch“ für
den Bürger und Landmann“, zwei Büchlein zur „Beförderung zur
Obstbaumzucht“, eine Verordnung über den Scheintod und zwei Schulgesetzte,
vor allem das wichtige von 1846,
das den Versuch unternahm, das Waldeckische Schulwesen auf eine gesetzliche
Grundlage zu stellen.
Strohgedeckt
schaute Neerdars Schulhaus von einem Hang neben der Kirche hinunter zur Dorfstraße.
Eine „in üblen Umständen befindliche Treppe“ mussten die Schulkinder und
Lehrerfamilien überwinden, um durch einen Eingang in Schulstube und Wohnung zu
kommen. Der mit Steinen „geprägte“
Flur
war das Zentrum des kleinen Fachwerkhauses und gleichzeitig Küche mit
gemauertem Herd, Brautopf und Hängehol. Die Flur- Küche
oder der Küchenflur war auch Vorraum für Schulzimmer, Scheune, Keller
und über schmale, steile Stiege Aufstiegsmöglichkeit zur Wohnstube unterm „Dachjuchhe“,
an die sich die einzige Schlafkammer des Hauses anschloss.
„Der
Wohnzimmerofen ist klein und zum Gebrauch für eine Familie gänzlich
ungeeignet, besonders darum, weil in Ermangelung einer Küche und eines
brauchbaren Herdes dieser fortwährend zum kochen benutzt werden muss“, klagt
der schulamtliche Hausherr, Die Speisekammer konnte übrigens nur durch den
Kuhstall erreicht werden! Schließlich weist Lehrer Geldmacher in seinem
Neerdarer Schul – Inventarium auf „ein Gemach mit gebrechlichen
Schiebefenstern“ hin, „welches früher als Schulstube, jetzt aber als
Rumpelkammer benutzt wird“.
Kein
Wunder also, dass sich Lehrer Geldmacher, der jahrzehntelang in dem nicht gerade
mit Reichtümern gesegneten Voruplanddörfchen gewirkt hatte, in späteren
Jahren noch nach einer anderen stelle umsah, in der er sich besseren Lohn und
ein besseres Haus erhoffte.
Konsequenz
: 1878 entschließt sich die Gemeindevertretung
zu einem Neubau.
Die
Zeiten sind lange vorbei, in denen sich die Neerdarer Kinder über eine „in üblen
Umständen befindliche Treppe“ in die Schulstube begeben mussten. Seit vielen
Jahren hat das Dorf keine Schule mehr. Mittelpunkt ist der Platz neben der ehrwürdigen
Kirche aber doch geblieben: Hier wurde das Dorfgemeinschaftshaus errichtet.
| Christian Wilhelmi mit Dienstmütze und Schelle als
Ortsdiener bei der Verlesung einer nicht sonderlich wichtigen
Bekanntmachung, denn sonst würde Friedrich Kiel nicht so
grinsen.
Links und rechts mit Fahrrädern Wolfgang Steuber und Peter Fischer vor
der ehemaligen Schule Aufnahme von 1972 |
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